Freitag, 5 Juni 2009 -- Noch immer kein Lebenszeichen der drei vermissten Kinder aus Buchs. Die Mutter Mary Djebrit setzt nun alle Hoffnung in den Internationalen Sozialdienst und in die Ermittler der Kantonspolizei. Für Mary Djebrit ist einzig und alleine der Fakt, dass ihre Kinder seit dem 22. Mai vermisst sind, entscheidend. Ihr spielt es keine Rolle, ob es sich, rechtlich gesehen, um den Tatbestand des Entziehens von Unmündigen oder um eine Entführung handelt. Diese Frage stellt sich indessen die Kantonspolizei Zürich, die im Fall der drei mutmasslich entführten Kinder aus Buchs Ermittlungen eingeleitet hat («ZU»/«NBT» berichteten). Welche Vorgehensweise die Ermittler im Fall der vermissten Kinder verfolgen, kann die Polizei aus strategischen Gründen nicht preisgeben, nur dass die Mutter Strafanzeige gegen ihren Mann eingereicht hat, wie Mediensprecher Martin Sorg bestätigt.

Doch der Himmel verdüstert sich für Djebrit zusehends, denn auch der letzte Draht zur Familie ihres Mannes Reda in Algerien ist jäh gekappt worden. Und genau dort vermutet die verzweifelte Mutter ihre Kinder. «Sie ignorieren meine Anrufe. Damit habe ich den letzten Kontakt verloren», sagt sie am Telefon. Trotz des Dramas, das sich in ihrer Familie abspielt, ist sie gestern an ihrem Arbeitsplatz erschienen, müde und entkräftet.

Kinder möglicherweise in Algerien

Mary Djebrit setzt nun alle Hoffnungen in die Ermittlungen der Kapo und in den Internationalen Sozialdienst (SSI), mit dem sie bereits Kontakt aufgenommen hat. Der SSI Schweiz befasst sich unter anderem mit Kindesentführung und ist in über 140 Ländern aktiv. Jährlich bearbeiten 15 Mitarbeiter in Genf und Zürich rund 1200 Dossiers.

Dass Mary Djebrits Kinder sich möglicherweise in Algerien aufhalten könnten, erschwert die Arbeit des SSI. Man habe ein gutes Netzwerk, doch das «Rechtsempfinden» im Ausland unterscheide sich vielfach vom hiesigen, sagt SSI-Direktor Rolf Widmer. Demnach würden zwar Gesetzesreformen allmählich den rechtlichen Status der Frauen in Algerien verbessern, doch blieben zahlreiche diskriminierende Bestimmungen unverändert, schreibt Amnesty International. Auch Widmer pflichtet dem bei. Die Bestrebung müsse also sein, eine einvernehmliche Lösung mit dem Vater zu finden. «Wir ergreifen keine Partei für nur einen Elternteil – versuchen neutral zu bleiben.»

Widmer verweist auf einen ähnlichen Fall. Vor rund vier Jahren soll ebenfalls ein Kind nach Algerien entführt worden sein. Der SSI konnte den Kontakt mit dem Kind herstellen, zuerst über die Schule, später über den leiblichen Vater. «Nach unserer Vermittlungsarbeit konnte die Mutter brieflich mit ihrem Kind in Kontakt treten. Später folgten verschiedene Treffen in Algerien.» Damit wird klar: Die Chance für eine Lösung bei einer Entführung in der Schweiz ist weitaus höher, als wenn das Kind ins Ausland entführt wird.

Der SSI finanziert sich einerseits durch Leistungsvereinbarungen mit den Kantonen, andererseits stellt die Organisation ihren Aufwand in Rechnung, wobei die Kosten für einen Auftrag bei 1400 Franken limitiert sind. Laut Widmer steht der SSI derzeit mit dem Bund in Verhandlungen um Subventionen.

Mehrmals mit Entführung gedroht

«Mein Mann hat sich für unsere Kinder nie interessiert», sagt Mary Djebrit. Gesoffen – geschlagen – fremdgegangen, «das hat er getan». Er habe die Besuchstage nur unregelmässig wahrgenommen und manchmal monatelang nichts von sich hören lassen. Umso unverständlicher ist es für die junge Mutter, dass ihr Mann nun derart darauf erpicht ist, Samira, Mohammed und Aïcha in seiner Nähe zu wissen.

Derzeit läuft das Scheidungsverfahren, das vom Mann verzögert wird. Ebenfalls soll er mehrmals mit der Entführung der Kinder gedroht haben. Das habe sie Beistand, Vormundschaftsbehörde und Gericht wiederholt mitgeteilt. Doch passiert sei nichts.

Djebrit kennt Algerien und Redas Verwandschaft; vor rund fünf Jahren hat sie dort das jüngste der drei Kinder, Aïcha, zur Welt gebracht. «Der Aufenthalt in Algerien war okay», doch ein inniges Verhältnis mit der Familie habe sie nie gehabt. Zum Schluss sagt sie: «Die Familie hat mir versichert, dass sich Reda bei mir meldet.» Der Glaube an das erlösende Telefonat schwindet jedoch von Tag zu Tag.

Kindesentführungen angestiegen

Die Zentralbehörde zur Behandlung internationaler Kindesentführungen im Bundesamt für Justiz (BJ) hat im Jahr 2008 insgesamt 208 Fälle behandelt. 97 Dossiers wurden aus dem Vorjahr übernommen. Von den 111 neuen Anträgen betrafen 75 die Rückführung von Kindern und 36 die Ausübung des Besuchsrechts. Die erneut angestiegenen Rückführungsanträge an das Ausland überwogen deutlich jene an die Schweiz. Von Kindesentführungen und Besuchsrechtskonflikten betroffen waren insgesamt 142 Kinder mit einem Durchschnittsalter von sieben Jahren. Entführender Elternteil war 2008 häufiger die Mutter (73 Prozent der Fälle).

Erst im März dieses Jahres hat der Bundesrat beschlossen, das neue Bundesgesetz über internationale Kindesentführungen sowie die zwei Haager Übereinkommen zum Schutz von Kindern und Erwachsenen auf den 1. Juli 2009 in Kraft zu setzen. Damit werden die Behörden künftig die von einem Elternteil ins Ausland entführten Kinder besser schützen können. Zu diesem Zweck werden insbesondere die Rückführungsverfahren beschleunigt und gütliche Regelungen zwischen den zerstrittenen Eltern gefördert.

Der Bundesrat ist der Meinung, dass angesichts der zunehmenden Mobilität der Bevölkerung gemeinsamen Regeln zur Lösung grenzüberschreitender Probleme eine erhöhte Bedeutung zukommt. Die zwei Haager Übereinkommen werden künftig Zuständigkeitskonflikte unter Behörden und sich widersprechende Entscheide und Massnahmen in den verschiedenen Vertragsstaaten verhindern.