1954 erhob sich in Algerien die Nationale Befreiungsfront (FLN), um mit Waffengewalt die Unabhängigkeit von Frankreich zu erzwingen. Bis 1962 mobilisierte die Kolonialmacht über zwei Millionen Soldaten, es kam zu Bombardierungen, Folter, Zwangsumsiedelungen und zur Hinrichtung von Gefangenen. Für Frankreich eine bittere Niederlage, wurde der Krieg in beiden Ländern lange tabuisiert. Mittlerweile ist das Schweigen gebrochen, doch hierzulande sind die Debatten kaum bekannt. In diesem Band werden die Geschichte des Krieges skizziert, die Erinnerungspolitik in beiden Ländern reflektiert und auch der Umgang der beiden deutschen Staaten mit dem Konflikt thematisiert.

"Am 20. Juni 2000 erschien auf der Titelseite der Tageszeitung Le Monde ein kurzer Bericht von Florence Beaugé. Die Journalistin beschrieb darin den Leidensweg der Louisette Ighilahriz, die im September 1957 als Mitglied eines Kommandosder algerischen Nationalen Befreiungsfront (FLN) in die Hände der französischen Armee gefallen war. Zu jener Zeit hielten vier Regimenter der 10. Fallschirmjägerdivision unter General Jacques Massu einen permanenten Belagerungszustand über die algerische Hauptstadt aufrecht.Ighilahriz schilderte, wie es ihr als Gefangene der französischen Armee erging:"Ich wurde nackt hingelegt, immer nackt. Sie konnten ein-, zwei- oder dreimal pro Tag kommen. Sobald ich ihre Stiefel im Gang hörte, fing ich an zu zittern. [...]Massu war brutal, widerlich. Bigeard war nicht besser, aber der schlimmste war Graziani. Er war unbeschreiblich, ein Perverser, der am Foltern Spaß hatte. Das waren keine Menschen. [...]Während dieser Monate hatte ich nur ein Ziel: mich selbst zu töten. Doch das schlimmste aller Leiden ist es, wenn man sich umbringen will und keine Möglichkeit dazu findet. [...]Sie haben meine Eltern verhaftet und fast alle meine Brüder und Schwestern. Meine Mutter durchlitt die Qualen der Badewanne drei Wochen in Folge. Eines Tages brachten sie das jüngste ihrer neun Kinder, meinen kleinen dreijährigen Bruder, und hängten ihn vor ihren Augen auf."Der Artikel über Ighilahriz löste in Frankreich eine ungeahnte Flut an Kontroversen um die algerische Vergangenheit aus. Das heißt, insbesondere um die algerische Vergangenheit der französischen Armee. Knapp vierzig Jahre nach dem Rückzug aus der letzten großen Kolonie in Nordafrika wurden die Methoden der kolonialen Kriegsführung zum nationalen Skandal. Dabei war es bei weitem nicht das erste Mal, dass die Folter in aller Öffentlichkeit thematisiert worden ist. Doch etwas Entscheidendes hatte sich in der französischen Gesellschaft verändert: Die lange Zeit starr stehenden, ideologischen Nach kriegsfronten hatten sich verschoben. Innerhalb des einst verantwortlichen Offizierskorps traten plötzlich Differenzen in der rückblickenden Beurteilung zutage. Die Spaltung an der Spitze der Gesellschaft öffnete den Raum für eine breite Debatte, die vor allem über die Massenmedien ausgetragen wurde.Le Monde gelang es im Anschluss an den zitierten Artikel, die von Ighilahriz persönlich angegriffenen, noch lebenden Generäle Bigeard und Massu zum Sprechen zu bringen. Marcel Bigeard, der 1957 als Oberstleutnant in Algier das 3. Koloniale Fallschirmjägerregiment kommandierte und später unter Präsident Giscard d'Estaing in den Rang eines Staatssekretärs beim Verteidigungsministerium aufstieg, reagierte in vertrauter Weise. Ighilahriz habe nichts als ein "Lügengespinst" gewoben. Massus Äußerungen gegenüber Le Monde klangen indes anders."


Autorenportrait
Dr. Frank Renken ist Politik- und Sozialwissenschaftler. Derzeit arbeitet er zu Fragen der Entwicklungspolitik als Wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Linksfraktion im Deutschen Bundestag.